Story Kagegorie
Mit den Jägern auf der Wendenalp
Auch im Oberhasli fiebern jedes Jahr viele Jägerinnen und Jäger der Zeit entgegen, in der sie auf die Jagd gehen können. Was eigentlich macht die Faszination für diese Leidenschaft aus? Ein Besuch im Gadmental.
26.05.2026 Author – Anette Marti Photos – David Birri
Es ist ein Alphüttli wie aus dem Bilderbuch:
Tief kauert sich der kleine Bau auf die Wiese, duckt sich unter die gewaltigen Wendenstöcke, jene schroffen Felswände, die hoch über dem Tal aufragen und den Sustenpass flankieren. Das Holz der Hütte ist verwittert, hinter den kleinen Fenstern schimmert warmes Licht. Im Stübli prasselt ein Feuer im Ofen. Hier sitzen Dres Huber, Otto von Weissenfluh und Chrigel Graber an einem Tisch und trinken Kaffee. Es könnte ein gewöhnlicher Morgen eines Jagdtages sein, heute sind sie aber nicht zum Jagen hier, sondern um Einblick zu gewähren in ihre Welt. Mit Medienleuten auf die Jagd zu gehen wäre etwa so, wie wenn man sich mit laufendem Radio den Tieren nähern möchte. Eine lautstarke Unterhaltung gehört nicht direkt zu den Faktoren, welche die Chancen auf einen guten Jagdtag erhöhen. An diesem späten Oktobertag ist die Jagdsaison mit Ausnahme der Sonderjagd vorbei.
Was einen erfolgreichen Jagdtag ausmacht, haben die drei Jäger im Blut. Die Faszination für dieses Hobby bekamen sie von ihren Vätern und Grossvätern mit auf den Weg – es ist längst nicht nur das Erlegen von Beute. «Schon nur zwei Wochen am Stück hier oben auf der Wendenalp zu verbringen, ist etwas, das wir lieben», erklärt Dres Huber, der seit Jahren mit Otto von Weissenfluh zusammen jagt. Der Jagdurlaub für die Gämsjagd ist für beide nicht verhandelbar. Es brauche nur wenige Stunden, dann seien sie tief abgetaucht in der Ruhe.
Das Einzige, was hier den Takt angibt, ist die Natur, die Umgebung und das Beobachten der Tiere. Schon dies allein ist eine perfekte Entschleunigung
Am frühen Morgen verlassen sie jeweils die Hütte, streifen durch die steilen Flanken, versuchen, das Verhalten der Gämsen zu erfassen und herauszufnden, welche Tiere wie alt sind und welche Mütter ein Jungtier dabeihaben. Für ein erfolgreiches Jagen, so betonen beide, ist es unabdingbar zu verstehen, wie sich die Tiere verhalten. «Manchmal sitzen wir stundenlang am selben Ort», erklärt von Weissenfluh, «da merkt man nicht einmal, wie die Zeit vergeht.» Erst wenn sie sich der Sache sicher sind, sie sich richtig verhalten haben und sich alle Umstände glücklich fügen, kommen sie überhaupt in eine Situation, die eine Schussabgabe erlaubt.
Chrigel Graber, der an anderen Orten im Gadmental jagt, beobachtet die Wildtiere rund ums Jahr intensiv. «Ich bin sowieso die meiste Zeit draussen, ich bin viel unterwegs, auch bei meiner Arbeit im Forst», erklärt er. Für ihn ist es selbstverständlich, dass Wildtiere unterscheiden können, ob das Verhalten eines Menschen gefährlich ist oder nicht. «Einmal habe ich im Winter mit der Motorsäge im Wald gearbeitet, als ich nach längerer Zeit erst bemerkte, dass nicht weit unterhalb von mir ein Hirsch im Gebüsch stand und gemütlich am Efeu fressen war», erzählt er. «Der hat sich wohl gefühlt in dem ganzen Lärm.» Handkehrum könne das Verhalten von Menschen das Rotwild nachhaltig erschrecken. Wenn jemand nachts im Auto Hirsche erspäht, die Tiere blendet oder gar noch anhält und das Fenster öffnet, dann löst dies Probleme aus. Hirsche verknüpfen Erfahrungen, die sie machen. Wenn ein Jäger etwa in eine Gruppe von Hirschen schiesst, einer umfällt und die anderen Kollegen bemerken, dass ein Mensch in der Nähe war, dann verbinden die Hirsche den Menschen mit Gefahr. Auch wenn ein Schuss mit einem stehenden Auto zusammenhängt, wird das registriert. «Die Zeugen tragen die Erfahrung weiter», ist Graber überzeugt. «Hirsche lernen schnell und haben ein ‘klebriges’ Gedächtnis, sie vergessen nicht. Die Folge ist, dass sie sich in den bürstendicken Stauden verkriechen.» Im Unterschied zu den Gämsen, die flüchten, verstecken sich die Hirsche. Es könne durchaus passieren, dass man im Wald in nächster Nähe an einem solchen
Versteck vorbeikomme und womöglich einen Hirsch gar nicht bemerke.
Wir verlassen die Hütte für einen Rundgang im Jagdgebiet von Huber und von Weissenfluh. Doch wie kann es «ihr» Jagdgebiet sein, wenn der Kanton Bern doch die Patentjagd kennt und den Jägern nicht eigentliche Reviere zuschreibt? Es gelte das ungeschriebene Gesetz, wonach man die angestammten Jagdgebiete der einheimischen Jäger grundsätzlich respektiere oder sich zumindest abspreche, versichern die drei Jäger. Das sei Ehrensache. Und trotzdem gibt es manchmal Ärger mit Jägern, die sich nicht an die Regeln halten, mit Gruppen, die von aussen kommen, die Gewohnheiten nicht kennen, oder mit ihrem ungestümen Verhalten die Tiere vergraulen. Ab und zu gelangen solche Diskussionen auch an den Jägerverein Oberhasli. Dres Huber ist Präsident des Vereins, Chrigel Graber Vizepräsident. «Manchmal geht vergessen, dass die Jäger auch viel unternehmen zum Wohl der Tiere», erklärt Huber. So kümmere sich der Verein etwa um Sicherheitsmassnahmen entlang von Strassen, entferne Zäune, an denen sich das Wild verletzen kann, oder befasse sich mit der Rettung von Rehkitzen während der Sommermonate, wenn die Wiesen gemäht werden.
Graber trägt einen Faserpelz der ersten Helly-Hansen-Generation, grün, mit zottigem Fleece. Von denen habe er zehn Stück zuhause in Reserve, sagt er und grinst. Der Grund für seine Vorliebe hat – wenig erstaunlich – mit der Jagd zu tun: «Wenn ein Ästchen über den Stoff streicht, gibt es kein Geräusch. Das ist bei vielen Jacken anders. Die rascheln.» Otto von Weissenfluh hat auf der gegenüberliegenden Talseite Gämsen entdeckt. Er schaut durch das Fernglas und sagt: «Der Bock verhält sich komisch. Der bleibt stehen und schaut zurück.» Die zwei anderen überprüfen sofort die Lage. Auch sie können sich nicht genau erklären, was vor sich geht. «Irgendeine Gefahr…», murmelt Graber, «aber was sieht er da oben?» In den steilen Rinnen unterhalb der Felswände erspäht von Weissenfluh wenig später eine weitere Gämse. «Da, in diesem ausgetrockneten Bachbett, direkt unterhalb der hellen Stelle», erklärt er und streckt uns das Fernglas entgegen. Doch in dem ganzen Durcheinander von Felsbändern, Gräben und Runsen ist es gar nicht einfach, den richtigen Ort zu finden. Für die Jäger trägt die Landschaft unzählige Markierungen von Erlebnissen, die sie an bestimmten Stellen hatten, oder von Beobachtungen, die einprägsam waren. Sie kennen hier buchstäblich jeden Stein.
Noch nach 40 Jahren Jagderfahrung ist diese Anspannung gross, ich empfnde in diesem Moment tiefe Ehrfurcht. Man muss sich bewusst sein, ich erlege nun ein Tier. Das macht man nicht einfach so.
Huber
Von weit unten im Gadmental tönt plötzlich ein Ruf hinauf, ein leicht unheimlicher, dröhnender Laut. War das das Röhren eines Hirschs oder nur eine Einbildung? Möglich wäre es. Es sei so, bestätigen die Jäger, in letzter Zeit höre man die Hirsche in der Brunftzeit vermehrt rund um die Dörfer, in Gadmen genau wie in Guttannen. Die Zahl der Hirsche hat im Oberhasli markant zugenommen. Noch in den 1990er Jahren waren sie in der Region eher selten anzutreffen (siehe Kasten). «Für den Wildraum 16 und 17, zu dem das Hasli zählt, sind für diese Saison 450 Hirsche zur Jagd freigegeben worden», sagt Huber. Trotz Nachjagd und Sonderjagd werden diese Zahlen nicht erreicht. Das Jagdinspektorat des Kantons Bern erlaubt sogar Abschüsse im eidgenössischen Jagdbanngebiet Reichenbachtal Schwarzhorn. Die Schäden im Wald hätten unterdessen ein Ausmass, heisst es in der Begründung, das als kritisch gelte. Doch die Hirschjagd hat es in sich, die Tiere passen sich an, sie nehmen nicht nur Gerüche und Geräusche unfassbar schnell wahr, sie ändern auch ihr Verhalten je nach Saison. Männliche Hirsche wandern über grosse Distanzen und scheinen zu wissen, in welchen Gebieten sie sicher sind, so etwa in den Jagdbanngebieten oder im Winter sogar in nächster Nähe zu den Siedlungen zwischen Meiringen und Unterbach.
Von weit unten im Gadmental tönt plötzlich ein Ruf hinauf, ein leicht unheimlicher, dröhnender Laut. War das das Röhren eines Hirschs oder nur eine Einbildung? Möglich wäre es. Es sei so, bestätigen die Jäger, in letzter Zeit höre man die Hirsche in der Brunftzeit vermehrt rund um die Dörfer, in Gadmen genau wie in Guttannen. Die Zahl der Hirsche hat im Oberhasli markant zugenommen. Noch in den 1990er Jahren waren sie in der Region eher selten anzutreffen (siehe Kasten). «Für den Wildraum 16 und 17, zu dem das Hasli zählt, sind für diese Saison 450 Hirsche zur Jagd freigegeben worden», sagt Huber. Trotz Nachjagd und Sonderjagd werden diese Zahlen nicht erreicht. Das Jagdinspektorat des Kantons Bern erlaubt sogar Abschüsse im eidgenössischen Jagdbanngebiet Reichenbachtal Schwarzhorn. Die Schäden im Wald hätten unterdessen ein Ausmass, heisst es in der Begründung, das als kritisch gelte. Doch die Hirschjagd hat es in sich, die Tiere passen sich an, sie nehmen nicht nur Gerüche und Geräusche unfassbar schnell wahr, sie ändern auch ihr Verhalten je nach Saison. Männliche Hirsche wandern über grosse Distanzen und scheinen zu wissen, in welchen Gebieten sie sicher sind, so etwa in den Jagdbanngebieten oder im Winter sogar in nächster Nähe zu den Siedlungen zwischen Meiringen und Unterbach.
Den Hirschen gefällt das Oberhasli
Im Gebiet Oberhasli ist der Rothirsch (Cervus elaphus) stark vertreten. Der Bestand hat über die letzten Jahre zugenommen, gebietsweise so umfangreich, dass Schäden an Bäumen und Wäldern zu einem Problem werden. Hirsche fressen die Triebe junger Bäume oder schälen Rinde ab. Doch das Oberhasli war längst nicht immer ein Lieblingsgebiet der Hirsche. Erst zu Beginn der 1960er Jahre ist der Hirsch ins Hasli zurückgekehrt, nachdem er noch im 19. Jahrhundert im Kanton Bern überhaupt als ausgerottet galt. Ab 1930 versuchte man relativ erfolglos, Hirsche anzusiedeln. Erst als die östlichen Gebiete der Schweiz von Graubünden her wieder besiedelt waren, wanderten die Tiere nach und nach auch ins Oberhasli zurück – dies vorwiegend über den Brünig. Unterdessen ist es sogar so, dass sich die Population im Kanton Bern von den Berggebieten her weiter ins Mittelland ausdehnt. In einer Studie aus dem Jahr 2019 untersuchte das Institut für Fisch- und Wildtiermedizin der Universität Bern, wie sich die Hirsche in dicht besiedeltem Gebiet verhalten, insbesondere im Raum zwischen Bern, Solothurn und Rothrist. Dabei stellten die Forscher zu ihrer Überraschung fest, dass sich die Tiere sehr viel stärker der Landschaft und dem Menschen anpassen als bisher angenommen. Aufgrund von Daten, die von den Tieren via GPS-Sender übermittelt wurden, liess sich zeigen, dass sich die Hirsche anders als in den Bergregionen tagsüber nicht unbedingt im dichten Wald verstecken, sondern in hohen Feldern, beispielsweise in Mais-, Raps- oder Sonnenblumenfeldern, und dies manchmal sogar in nächster Nähe zu Siedlungen und Wegen.