Porträt von Werner Bätzing

Story Kagegorie

Die Städte brauchen das Land

Kaum jemand sonst in Europa hat so viel über den Alpenraum geforscht und publiziert wie Werner Bätzing aus Deutschland. Der bekannte Geograf und ehemalige Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg betrachtet die Alpen als eine Kulturlandschaft, die von den Menschen geprägt ist und gerade deshalb einen so grossen ökologischen und kulturellen Wert hat. Wie ordnet der renommierte Alpenforscher Energieprojekte in diesem oft komplizierten Nebeneinander von Stadt und Land ein? Was kann in der heutigen Welt die Perspektive sein für den alpinen Raum, für ländliche Gebiete überhaupt?


26.05.2026 Author – Annette Marti Photos – David Birri

Über diese und viele weitere Fragen sprachen wir mit Werner Bätzing in seinem Büro in der kleinen deutschen Stadt Bamberg. In Bätzings «Alpenarchiv» türmen sich Ordner, Bildbände, Papierstapel und Bücher bis unter die Decke – beim Einzug in die Altbauwohnung hatte er eigens ein statisches Gutachten erstellen lassen müssen, um sicherzugehen, dass die Konstruktion dieses Gewicht tragen kann. Im November 2025 ist er dabei, die Arbeiten an der Neuauflage seines bekannten Werks «Die Alpen, Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft» abzuschliessen. Er hat das Buch um viele neue Aspekte und Beobachtungen aus jüngster Zeit ergänzt

So wie wir es machen, ist es richtig

Werner Bätzing


Sie waren eine Weile lang an der Universität in Bern tätig. Wie gut kennen Sie das Berner Oberland?

Werner Bätzing: Meine Faszination für die Alpen hat im Berner Oberland ihren Anfang genommen. Als Kind fuhr ich mit meinen Eltern mehrmals nach Gsteig in die Ferien, das war in den 1960er Jahren. Wir lebten bei einer Bauernfamilie, mit der wir viel Kontakt hatten. Das starke Selbstbewusstsein und die bäuerliche Identität dieser Menschen haben mich sehr beeindruckt. Ihre Haltung schien zu vermitteln: «So wie wir es machen, ist es richtig». Erst später habe ich andere Regionen des europäischen Alpenraums besser kennengelernt – traf aber häufig wieder auf diesen Eindruck

Sie meinen auf eine ausgeprägte Form von Selbstbewusstsein?

Ja. Möglicherweise hat dieses bäuerliche Selbstbewusstsein im Berner Oberland auch damit zu tun, dass auf kleinstem Raum grosse Unterschiede bestehen. In Gsteig ist dies schon nur durch die Nähe zu Gstaad offensichtlich, auch Bern liegt nicht weit entfernt. Überhaupt findet man im Berner Oberland generell viele Entwicklungen sehr nahe beieinander, vom Massentourismus bis zu entlegenen Dörfern. Ein stark ausgeprägtes Bewusstsein, wie man im schwierigen Raum der Alpen leben und wirtschaften kann, wie man mit Naturgefahren umgeht, ist jedoch alpenweit verbreitet, nicht nur im Berner Oberland.


Wie sehen Sie grundsätzlich die Zukunft des Alpenraums?

In gut erreichbaren Tälern und in Tourismuszentren verstädtern die Alpen, andere entlegenere Regionen hingegen werden menschenleer, weil sich die Nutzung der wirtschaftlichen Ressourcen nicht mehr lohnt. Diese Entwicklung geht auf die Dominanz der Metropolen zurück. Das Land wird nur als Ergänzungsraum zu den Städten gesehen, die Städte gelten als der alleinige Motor des Wachstums. Aber, verzeihen Sie, dies ist Schwachsinn. Die Städte brauchen die ländlichen Regionen und die Alpen, denn ohne saubere Luft, sauberes Wasser, unbebaute Freiräume und Lebensmittel können sie nicht existieren. So drohen die Städte ihre Bodenhaftung zu verlieren.

Sie sagen sogar, wenn die Bergregionen und die ländlichen Gebiete weiter zurückgedrängt werden, geht ein Stück der Identität der Menschen verloren.

In unserer Dienstleistungsgesellschaft denkt man, Identität sei etwas, für das man sich kurzfristig entscheidet. Man wählt sie wie eine Ware und tauscht sie wieder um, wenn sie nicht mehr passt. Ein solches Verständnis gibt keinen wirklichen Halt. In den Alpen war Identität seit jeher mit der Landschaft verbunden und ist deshalb viel tiefer verankert. Die Menschen prägten die Natur, sie mussten sie verändern, um als bäuerliche Gesellschaft überhaupt ein Auskommen zu haben. Wer in einem Alpental lebte, konnte die Landschaft nicht nur konsumieren, sondern musste Verantwortung für ihre ökologische Stabilität übernehmen. Dadurch ist auch die Vielfalt entstanden, denn jedes Alpental ist einmalig und unterscheidet sich vom nächsten, die Natur ist sehr kleinräumig und vielfältig gestaltet. Verschwindet diese Vielfalt, geht auch die damit verbundene kleinräumige Kultur verloren und dadurch verarmen die regionalen Identitäten.


Die Alpen sind also nicht als reine Naturlandschaft zu verstehen, sondern als eine Kulturlandschaft, die durch den Menschen geprägt ist?

Die alpine Landschaft ist abgesehen von den hochalpinen Gebieten nicht von sich aus einfach da, sondern sie verdankt sich in wesentlichen Teilen der traditionellen wirtschaftlichen Nutzung in den Alpen. Der Mensch hat die Ökosysteme vor Ort verändert, er hat sie umgestaltet, zum Beispiel sind durch Rodungen Äcker und Wiesen entstanden, die Weideflächen wurden vergrössert, die Alpen gepflegt, Flächen entsumpft oder terrassiert, vor Überschwemmungen geschützt und so weiter. Dies aber immer abgestimmt auf die lokalen Bedingungen, denn anders wären die Nutzflächen durch die Natur wieder zerstört worden. Wer den Alpenraum erhalten will, muss ihn nutzen – angepasst und ressourcenschonend allerdings.

Macht es mehr Sinn, diese Kulturlandschaft zu schützen, anstatt Wildnis zu fördern?

Ja, denn wenn die landwirtschaftlichen Flächen nicht mehr traditionell bewirtschaftet werden, dann wachsen sie in kurzer Zeit zu und die aufkommenden Büsche und später der Wald sind längst nicht so artenreich wie die kleinräumige Kulturlandschaft. Da darf man sich keine Illusionen machen, die Artenvielfalt ist auf einer sorgfältig gepflegten und seit Jahrzehnten bewirtschafteten Wiese viel höher als auf einer Fläche, die man verwildern lässt. Diese sogenannte Wildnis ist oft auch ökologisch instabil, ein Beispiel sind die Grünerlen, die sich schnell ausbreiten. Man hat herausgefunden, dass sie klimaschädliches Lachgas ausstossen. Zudem legen sie sich unter einer Schneedecke so dicht an den Boden, dass Lawinen viel einfacher abgehen.


Halten Sie es für denkbar, dass die Diskussionen über die Energiewende den Berggebieten und dem ländlichen Raum mehr Gewicht verleihen?

Nein, der Alpenraum ist bereits stark ausgebaut: 40 Prozent der Wasserkraftenergie der EU wird in den Alpen erzeugt. Die Alpen haben in Hinsicht auf die Energie also schon sehr viel geleistet und deshalb ist ein weiterer grosser Ausbau nicht mehr sinnvoll. Das heisst nicht, dass kein einziges neues Projekt mehr realisiert werden darf, aber in jedem Einzelfall sind alle Gegenargumente sehr sorgfältig zu prüfen, wie bei Ihnen im Berner Oberland mit dem Projekt Trift oder der Erhöhung des Grimselsees. Für neue, grosse Solar- und Windkraftprojekte sind die Alpen aufgrund ihrer wertvollen Kultur- und Naturlandschaften nur an sehr wenigen Standorten geeignet. Ich bezweifle, ob sich wirklich so grosse Mengen an zusätzlicher erneuerbarer Energie gewinnen lassen. Und noch etwas stört mich…

Was meinen Sie?

Man glaubt, wenn wir erneuerbare Energien verwenden, wäre die Energiewende bereits geschafft. Aber das greift viel zu kurz. Der Energieverbrauch steigt sehr stark, etwa angetrieben durch die Mobilität, Digitalisierung, KI und so weiter. Da sehe ich kein Ende. Dieses Wachstum kann nie und nimmer durch erneuerbare Energien gedeckt werden – hier braucht es eine echte Energiewende. Und typisch ist, dass die Verursacher des Energiewachstums, die Metropolen und Städte, die Lösung dafür auf das Land abwälzen, ohne sich um die dortigen Auswirkungen zu kümmern.


Können die Alpen nicht von Geldern der Energiewende profitieren?

Nein. Die Entscheide werden oft ausserhalb der Region gefällt. Gerade Wasserkraftunternehmungen sind häufig von aussen beeinflusst. Ich habe den Eindruck, dass es vielen Politikern in Hinsicht auf das Alpengebiet um eine Art nachholende Entwicklung geht, sie wollen in den Berggebieten diejenige Entwicklung im Kleinen nachahmen, die in den Städten passiert. Damit werden aber keine Probleme in den Alpen gelöst, sondern es werden nur die städtischen Probleme in den ländlichen Raum verlagert. Das sieht man etwa beim Thema Wohnraum, bei dem dieser Prozess schon lange läuft: Metropolen wie München oder Mailand installieren Wohnraum in den benachbarten Alpen, die dadurch verstädtern und ihre ländliche Identität verlieren.

Kann ein technisches Element wie eine Staumauer auch Teil einer Kulturlandschaft sein?

Jede Kulturlandschaft hat auch technische Elemente. Jede Wasserleitung und jede Ackerterrasse enthalten einen technischen Aspekt, ausserdem legen Menschen Kulturlandschaften mit Werkzeugen an. Kulturlandschaft ohne Technik ist nicht denkbar. Die Frage ist allerdings, ob auch Grossstrukturen wie eine Staumauer, die kein menschliches Mass mehr besitzen, Teil einer Identität werden können? Es scheint mir nicht unmöglich, dass so etwas passiert, aber ich kann es von aussen nicht beurteilen. Das müssten die betroffenen Menschen aus ihrer Sicht sagen.

Porträt von Werner Bätzing
Ein Regal zwischen Forschung und Erinnerung
Ein Porträt von Werner Bätzing auf einem Sofa
Porträt von Werner Bätzing

In der Schweiz wird in vielen Kantonen die sogenannte Heimfall-Thematik in der Wasserkraft diskutiert. Die Ge-birgskantone überlegen sich, nach dem Auslaufen der Konzessionen einen grösseren Teil der Anlagen in ihren eige-nen Besitz übergehen zu lassen. Was denken Sie, was würde passieren, wenn die Bergregionen über mehr Geld ver-fügen würden?

Ich bezweifle, dass sich damit eine positive Entwicklung einleiten liesse. Im Gegenteil – wenn Alpentäler plötzlich zu Geld kommen, dann versuchen sie, städtische Entwicklungen nachzumachen, anstatt ihre eigenen Potenziale auf umwelt- und sozialverträgliche Weise zu stärken. Das hat auch damit zu tun, dass man sich gar nichts anderes vorstellen kann. Die öffentliche Meinung wird mehrheitlich in den Metropolen geprägt, die Gefahr würde also bestehen, dass man im ländlichen Raum mit mehr Geld lediglich das macht, was gesellschaftlich akzeptiert ist. Das ist aber keine Alternative. Die Alpen brauchen ihren eigenen Weg. Man müsste eine Art Denkfabrik schaffen, einen Ort, an dem Ideen denkbar gemacht werden, die bisher undenkbar waren. In der Neuauflage meines Buches gehe ich solchen Lösungsansätzen nach.

Politik ist städtisch geprägt, was bedeutet dies für den Schutz der Alpen?

Es gibt eine Sehnsucht der Städter nach ländlicher Idylle. Diese Idealbilder haben aber mit der ländlichen Realität nichts zu tun. Wenn die Städter sagen, was Naturschutz ist, dann ist dies aus meiner Sicht eine Bevormundung. Mir scheint, es ist grundsätzlich eine schleichende Verstädterung im Gang. Und in Deutschland haben wir das zusätzliche Problem, dass sich viele Menschen auf dem Land von den demokratischen Parteien nicht mehr vertreten fühlen und deshalb rechtsextrem wählen.


Wie konkret könnte eine positive Entwicklung für die Alpen aussehen in Ihrem Verständnis?

Die Alpen dürfen nicht auf die Funktionen Freizeit und Naturschutz reduziert werden, sie müssen ein vielfältiger Wirtschaftsraum bleiben. Ich sehe ein grosses Potential in alpenspezifschen Qualitätsprodukten, die auf Basis von lokalen Ressourcen erstellt werden und Wertschöpfungsketten umfassend stärken, von der Land- und Forstwirtschaft über Handwerk und Gewerbe bis hin zu Dienstleistungen. Hierzu besteht viel Erfahrungswissen aus der Vergangenheit. Es gibt schon heute eine Fülle von Initiativen von Einzelpersonen und Gruppen, die integrativ vorgehen, sie versuchen, Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt zu verbinden. Das Problem liegt darin, dass die verschiedenen Ansätze zu wenig vernetzt sind und dass sie dem Zeitgeist entgegenstehen, weil sie sich an konkreten Werten und Inhalten orientieren, und nicht am Ziel, aus Geld mehr Geld zu machen. In den letzten Jahren sehe ich aber noch eine zusätzliche Dimension, denn die Welt hat sich verändert.

Was bedeutet dies für den Alpenraum?

Früher habe ich immer betont, es sei für die alpinen Regionen wichtig, die eigenen Ressourcen aufzuwerten, heute scheint mir zusätzlich: Wir brauchen eine Vorsorge für den grossen Zusammenbruch. Seit der Corona-Epidemie ist die Welt instabil geworden. Diese Pandemie war bestimmt nicht die letzte. Wir haben Probleme wie Massentierhaltung und Antibiotika-Resistenzen, um nur wenige zu nennen, von Kriegen, Wirtschaftskrisen und Terroranschlägen ganz zu schweigen. Wenn die globalen Verflechtungen zusammenbrechen und die kritische Infrastruktur blockiert ist, dann werden die traditionellen Kulturlandschaften im Alpenraum wieder extrem wichtig zur Versorgung der Menschen. Deshalb dürfen die Alpen nicht weiter zugebaut werden, sie dürfen aber auch nicht verbuschen und verwalden, so dass man sie im Zweifelsfall wieder bewirtschaften kann.

Wie schaffen Sie es, die Sicht von aussen auf die Alpen einzunehmen und sie trotzdem mit dem Blick von innen zu verbinden?

Wenn man von aussen kommt, muss man sich auf die Verhältnisse einlassen und sich fragen: Wie tickt diese Welt? Wie verstehen sich diese Menschen, was haben sie für Werte und Erfahrungen? Mein Credo als Wissenschafter ist: Man muss sich auf den Einzelfall mit all seinen Verflechtungen einlassen, nur so wird die Welt verständlich. Dieser integrative Blick wird allerdings heute belächelt. Probleme werden aufgestückelt und in kleinen Tranchen betrachtet, so isoliert sich die Wissenschaft im Spezialistentum und bezieht sich nur noch auf sich selbst. Die gleiche Entwicklung beobachte ich auch in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Die Systeme werden selbstbezüglich, die Rechtswissenschaften zum Beispiel sind nur noch damit beschäftigt, Rechtsfälle zu produzieren und nicht damit, Klarheit zu schaffen. Politik dreht sich nur noch um Wiederwahl. Dabei ist für mich völlig klar: Man kann die Dinge nur in ihrem Zusammenhang verstehen. Und gerade dafür sind die Alpen ein besonders anschauliches Beispiel.