Traditionelles Webhandwerk

Story Kagegorie

Der Haslistern und seine wundersame Geschichte

Margret Lucek-Anderegg und Sabine Bütikofer von der Genossenschaft Heimatwerk Haslital sorgen dafür, dass das Klappern und Schiessen der Webstühle im Oberhasli nicht ganz verstummt. Mit der weit zurückreichenden Tradition sind auch sagenhafte Geschichten verbunden.


26.05.2026 Author – Annette Marti Photos – David Birri

«So wie wir hier weben, macht das niemand sonst», erklärt Margret Lucek-Anderegg, zieht an einem hölzernen Griff über ihrem Webstuhl, der das Schiffchen mit dem Leinengarn auslöst. Mit einem wuchtigen «Wumm» schiesst es durch den Zettel an den Stopper auf der anderen Seite. Ein weiterer Faden hat sich zum gewobenen Stoff hinzugefügt, aus dem ein Stirnband gefertigt wird. Bereits ist in dunkelblauem Garn ein Muster erkennbar. Der Hintergrund besteht aus hellem Leinen. Der Webstuhl steht in einer Ecke der Produktionshalle des Heimatwerks Haslital auf dem Gelände des ehemaligen Zeughauses in Meiringen. Der freundliche Raum mit den vielen Fenstern bietet Platz für eine ganze Reihe grosser Webstühle. Hier werden nach alter Tradition Stoffe von Hand gewoben. Je nach Bedarf arbeiten mehrere Frauen gleichzeitig.

Die Weberei ist seit jeher im Oberhasli verwurzelt. Ursprünglich wurden vor allem Stoffe für den eigenen Verbrauch wie auch für Trachten gewoben, später bildete die Weberei ein wichtiges Zusatzeinkommen für die Familien. Ungefähr 200 verschiedene Muster sind traditionell überliefert, das Bekannteste ist der Haslistern. Die Technik, die für alle Muster nötig ist und die Hasliweberei von anderen Webarten unterscheidet, nennt sich «einlesen». Margret Lucek-Anderegg nimmt einen dünnen Holzstab und zeigt, wie es geht. Sie steckt den Stab gemäss ihrer Vorlage durch den Zettel indem sie die Fäden genau abzählt, je nachdem welchen Teil des Musters sie weben will. Am Anfang des Sternmusters nimmt sie drei oder vier Fäden auf den Stab, die danach als farbiges Eckchen auf dem naturfarbenen Leinenstoff erscheinen. Je breiter der Stern wird, desto mehr Fäden kommen auf den Stab, desto grösser werden also die Anteile der Farbe im Muster.


«Es ist gar nicht so kompliziert, wie es auf den ersten Blick aussieht», beschwichtigt die Weberin. Aber man müsse genau abzählen, das schon, sonst schleiche sich sofort ein Fehler ein. Notfalls könnte sie die eingewobenen Fäden wieder zurückweben, beziehungsweise herauslösen und neu beginnen. «Mit der Zeit geht es ganz automatisch», schiebt die Weberin nach, die vor ein paar Jahren mit dem Weben begonnen hat und seither ganz begeistert davon ist. Sabine Bütikofer, die zusammen mit Margret Lucek-Anderegg die Geschäftsleitung der Genossenschaft Heimatwerk Haslital innehat, nickt: «Die reichen Muster machen die Hasliweberei aus. Das ist ein Kulturgut, eine Tradition, die wir bewahren möchten.» Stets suchen die zwei Frauen nach neuen Produkten, die sie aus ihren gewobenen Stoffen herstellen können. Neben den traditionellen Küchentextilien und Kissenanzügen finden sich heute im Verkaufsladen in Meiringen Bändel für Taschen oder Handys, Schlüsselanhänger und Portemonnaies. Ein Liebling gerade auch bei jüngeren Kundinnen und Kunden sind die Stirnbänder.

«Mit der Weberei schaffen wir einen Bezug zu unseren Wurzeln, das ist in meinen Augen sehr wichtig.»

Annette Marti


Über dieses Echo freut sich Bütikofer besonders, denn die zwei Geschäftsleiterinnen überlegen sich stets, wie sie mit der Zeit gehen können. Es ist ein fortlaufendes Neuerfinden und Ausbalancieren, wie man die Weberei in der heutigen Zeit verankern kann. Allein durch den Verkauf lassen sich die Kosten für die Aufwände nicht abdecken, sonst würden die Produkte viel zu teuer. Die Genossenschaft ist deswegen auch auf die Unterstützung von privaten Geldgebern und der öffentlichen Hand angewiesen. Für Bütikofer ist aber klar: «Mit der Weberei schaffen wir einen Bezug zu unseren Wurzeln, das ist in meinen Augen sehr wichtig.» Sie erzählt die wundersame Geschichte des Haslisterns, eine uralte Überlieferung, wonach die Haslerinnen und Hasler ursprünglich aus dem hohen Norden stammen sollen. Von dort seien sie gemäss der Sage vor Urzeiten eingewandert und hätten auf dieser Völkerwanderung Muster mitgebracht, so etwa der Stern, der tatsächlich eine verblüffende Ähnlichkeit hat mit Verzierungen auf norwegischen Strickpullovern. Sabine Bütikofer hat für den Fototermin extra einen Pullover aus Norwegen angezogen. Der norwegische Stern ist zwar nicht gewoben, gleicht dem Hasler-Motiv aber stark. «Das ist doch speziell, nicht wahr?», sagt sie mit einem Lächeln.

Margret Lucek-Anderegg ist fast in der Mitte des Sternemusters angekommen. Nach jeder Etappe hat sie den Lesestab auf den hinteren Teil des Webstuhls übertragen, das heisst, sie musste jedes Mal aufstehen, um den Stab bewegen zu können. Dann wieder absitzen und weiterweben. Dafür ist das Muster nun abgespeichert und für die zweite Hälfte der Symmetrie muss sie die Schritte nicht neu einlesen, sondern zieht die Stäbe nach und nach wieder heraus. Sie habe herausgefunden, dass dieses ständige Aufstehen und Absitzen ihr gut tue, weil es die Rückenmuskulatur trainiere. Ausserdem möge sie das Weben, weil es sich für sie oft fast meditativ anfühle. Wichtig ist aber auch ihr ein weiterer Aspekt: «Man muss das Wissen über das traditionelle Handwerk weitergeben können, sonst geht es für immer verloren», sagt die Weberin.


GESCHICHTE DER HASLIWEBEREI

Seit Jahrhunderten war man im Oberhasli bemüht, Gebrauchsgegenstände aus dem zu fertigen, was die Umgebung hergab. Kleider, Tücher und Bettdecken wurden aus Leinen oder Wolle selber gewoben. Im Laufe der Zeit entstanden Verzierungen und Muster, am besten bekannt von den traditionellen Hasli-Trachten. Ab ungefähr der Mitte des 19. Jahrhunderts begann auch die Seidenweberei im Oberhasli eine Rolle zu spielen, mit der voranschreitenden Industrialisierung verschwand sie aber wieder. Nicht so die traditionelle Weberei. 1913 wurde auf Anregen des Berner Kunstmalers Paul Wyss eine Genossenschaft gegründet, mit dem Ziel, die Handweberei als Heimgewerbe zu unterstützen. Die Handweberei Oberhasli hatte manches Auf und Ab zu bestehen, es brauchte verschiedene Reorganisationen und Wiederbelebungsversuche. Ein grosser Meilenstein war die Eröffnung des «Wäbihus» in Innertkirchen im 1962, das bis zum Umzug nach Meiringen 2018 Heimat der Webstühle war.