Story Kagegorie
Wir wollten das Vreneli zurück nach Gadmen holen
Ein fast vergessenes Kapitel Schweizer Geschichte kehrt zurück: Die Gadmerin Rosa Tännler stand einst Modell für das berühmte Goldvreneli – ihr Gesicht zierte über 60 Millionen Münzen. Heute wird ihre Geschichte neu entdeckt und lässt eine bewegende Vergangenheit aus den Bergen wieder lebendig werden.
12.05.2026 Author – Annette Marti Photos – Kraftwerke Oberhasli AG/ David Birri
Vor über 125 Jahren wurde eine Gadmerin berühmt, denn ihr Gesicht fand den Weg auf über 60 Millionen Goldmünzen: Rosa Tännler stand Modell für die Goldvreneli-Münzen. Eine Gruppe von Personen aus der Region lässt diese fast vergessene Geschichte wieder aufleben.
Ein Künstler trifft in einem Hotel auf einer entlegenen Alp in den Schweizer Bergen eine junge Frau, die ihn inspiriert. Er ist hingerissen
von der Art, wie sie die Gäste umsorgt, überall anpackt und sich mit grosser Leichtigkeit in der so wilden und unberechenbaren Bergwelt bewegt. Der Künstler bittet die Frau – sie ist zwar eher noch ein Mädchen – ihm Modell zu stehen und fertigt ein Portrait, das später eine ungeahnte Bekanntheit erreichen wird und den Künstler berühmt macht. Die Szene könnte aus einem Hollywoodflm oder einem Kitschroman stammen, hat sich aber im Jahr 1894 tatsächlich so ereignet, und zwar im Berghaus Steinalp am Sustenpass. Das Mädchen hiess Rosa Tännler. Sie war die Tochter der Wirtefamilie Tännler in Gadmen und fand dank des Neuenburger Künstlers Fritz Ulysse Landry den Weg auf über 60 Millionen Goldmünzen. Rosa Tännler ist das Goldvreneli. Das Bild, das Landry von ihr gezeichnet hatte, wurde zur Vorlage für eine Neuauflage der Goldmünzen im Jahr 1897.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Weile lang Diskussionen, wer denn nun effektiv die Frau auf der Münze sei. Drei verschiedene Damen beanspruchten offenbar diesen ehrenvollen Titel, schon damals war der Name Rosa Tännler im Spiel. Im Heimatdorf von Rosa war die Geschichte jedoch in Vergessenheit geraten. Bis sich eines Tages der Gadmer Christian Krump mit seiner Grossmutter zufällig über Münzen unterhielt und die Grossmutter fragte, ob er eigentlich wisse, dass das Goldvreneli eine Gadmerin sei. «Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob sie den Namen Rosa Tännler damals erwähnte, aber die Geschichte ist mir geblieben», blickt Krump zurück. «Erst eine Weile später kam ich mit anderen Leuten darüber ins Gespräch und wir entschieden, der Sache nachzugehen.» Historiker Raphael Germann wurde beauftragt, die Fakten zu überprüfen, und es gelang tatsächlich die Verknüpfung zu Gadmen zu belegen. «Es ist schön, konnten wir das Vreneli zurück ins Tal holen», freut sich Christian Krump. Konkret ist dies kürzlich sogar in 66facher Ausführung geschehen, denn im letzten Jahr sind 66 Verenas aus der ganzen Schweiz zusammen nach Gadmen gereist auf den Spuren ihrer Namensvetterin. Ein Verein kümmert sich unterdessen darum, wie die Geschichte aufgearbeitet werden kann und wie sie auch Gästen zugänglich wird. So ist ein Themenweg rund ums Dorf entstanden, der zurückblendet in die Zeit, als Rosa Tännler in Gadmen lebte. Ebenso gibt es ein Buch und eine Webseite zur Goldvreneli-Geschichte. Für Christian Krump birgt die Goldvreneli-Geschichte noch einen weiteren Wert. «Es ist schön zu wissen, dass das Goldvreneli das Bärenmeitli’ war. Der Bärenwirt war damals eine wichtige Figur, er soll oft ausgeholfen haben, wenn das Geld bei jemandem knapp geworden war.» Das Leben sei hart gewesen, die Menschen lebten von dem, was die Wiesen und Weiden hergaben. Aber das Land wurde immer knapper. Viele Gadmerinnen und Gadmer waren zur Auswanderung gezwungen. Über die Geschichte von Rosa Tännler lässt sich ein Zugang fnden zu diesen vergangenen Zeiten. Das echte Goldvreneli hat übrigens nicht den Künstler geheiratet, so wie die Geschichte vielleicht im Film weitergehen würde, sondern einen anderen Gast des Berghauses Steinalp, den Architekten Gustav Johann Kruck aus Zürich. Mit 21 Jahren zog Rosa in die Stadt und wurde Mutter von fünf Kindern. Sie soll immer Heimweh nach Gadmen gehabt haben, bis sie 1940 zurück ins Hasli zog und ihre letzten Lebensjahre in einem Haus am Hasliberg verbrachte, das noch heute im Besitz der Nachfahren ist.
Erlebnisweg & Goldhonig
Der Goldvreneliweg startet bei der Kirche in Gadmen und führt über Obermad und eine grosse Schlaufe wieder zurück ins Dorf. An den 9 Stationen erfahren die Besucherinnen und Besucher mehr über das Tal um 1900, Freud und Leid der Einheimischen, den aufkommenden Tourismus und natürlich über Rosa Tännler. Neuerdings ist auch ein aufwändig verpackter Gold-Honig erhältlich. Jedes Glas beinhaltet nicht nur Blütenhonig von Imkern aus dem Tal, sondern auch ein Goldvreneli – in jedem 100. Glas versteckt sich ein echtes Goldvreneli, in allen anderen ein Gadmer Taler, eine symbolische Lokalwährung im Wert von 5 Franken, die in der Gadmer Lodge eingelöst werden kann.
GOLDVRENELI-GADMEN.CH