Technik
Höhenangst ist ein Fremdwort für ihn
19.12.2025 Author – Heidi Schwaiger
«30 Meter, 10 Meter, 1 Meter, Stopp!» Walter Schläppi lässt das Funkgerät los. Vom Dach der Seilbahn Handeck – Gerstenegg aus beobachtet er, wie diese an der letzten Stütze vor der Bergstation zum Stillstand kommt. Dann steigt er mit seinem Arbeitskollegen an übergrossen Metallkarabinern gesichert die Leiter hinauf zu den Zugseilrollen. «Diese Bahn ist eine der komfortabelsten für uns zum Arbeiten», erklärt der Seilbahnfachmann. Sobald die Sicherung der Bahn über Funk bestätigt wird, packt Walter Schläppi an: Gemeinsam mit seinem Kollegen wechselt er eine abgenützte Zugseilrolle mit Hilfe eines improvisierten Flaschenzugs aus. Hammerschläge füllen die herbstliche Grimselluft, Sprüche werden ausgeteilt, Lachen erklingt. Bald darauf klettert der 59-Jährige wieder hinunter auf das Dach der Gondel und gibt per Funk die Anweisung, zurück zur Talstation zu fahren.
Die Arbeit mit den Jungen macht mir grossen Spass
Walter Schläppi, Seilbahnfachmann
Was fasziniert dich daran?
Wenn man in Guttannen lebt, setzt man sich zwangsläufig mit Naturgefahren wie Stein- und Felsschlag, Lawinen, Murgängen und Hochwasser auseinander. Prägende Ereignisse waren für mich der Lawinenwinter 1999, der Murgang Rotlouwi 2005 sowie die Murgänge im Spreitgraben. Mich interessiert: Wie kann der Mensch mit der Natur unterwegs sein? Die meisten Inputs habe ich während meiner Zeit bei der Baugruppe der KWO erhalten; ich musste mich dabei fast zwangsläufig mit Naturgefahren auseinandersetzen. Parallel dazu habe ich mir durch Austausch mit Experten, Kurse, und Literatur Wissen angeeignet.
Du bist also zu einer Art Hobby-Geologen geworden?
Ja, auf gewisse Art. Wobei ich von Geologie nicht so viel verstehe. Ich kenne einfach die Herausforderungen, vor denen die KWO immer wieder steht. Bei der Entleerung des Grimselsees war ich beispielsweise für die konzeptionelle Sicherheit der Bauleute in Bezug auf Lawinen zuständig. Aktuell kümmere ich mich zusammen mit meinem Team um die Reparatur der Wasserfassung Rotlouwi, die aufgrund eines erneuten Murgangs beschädigt ist.
Stellst du seit deiner Zeit bei der KWO Veränderungen in Bezug auf Naturgefahren fest?
Der Klimawandel führt zu vermehrten Starkniederschlägen sowie zum Auftauen des Permafrostes und damit teilweise zu häufigeren Ereignissen wie Felsstürzen und Murgängen. Auch die Unterhaltsarbeiten sind schwieriger geworden – gewisse Bäche versiegen nun erst im Dezember und nicht mehr im Oktober oder November. Gleichzeitig ist die Gesellschaft sensibler geworden; der Druck, beispielsweise Verkehrswege stets offen zu halten, ist gestiegen.
Wie geht die KWO mit den Herausforderungen um?
Wir ziehen alle Aspekte des Klimawandels im Unterhalt und in neue Projekte mit ein. Wasser ist der Betriebsstoff der KWO. Unser Ziel ist es, multifunktionale robuste Anlagen zu betreiben und zu bauen, die in erster Linie der Stromgewinnung dienen. Daneben könnten Hochwasserrückhalt und Bewässerung in der Zukunft Handlungsfelder sein.
Gibt es für dich als Routinier noch Ereignisse, bei denen dein Puls schneller geht?
Bei Hochwasser oder grossen Murgängen auf jeden Fall. Oder wenn ich 120 Meter in ein Wasserschloss abgeseilt werde. Da bin ich jeweils froh, wenn ich wieder festen Boden unter den Füssen habe.